Meist begeben sich die Betroffenen nicht aus eigenem Antrieb in medizinische Behandlung. Wohlgemeinte Ratschläge von Freunden oder Angehörigen, mehr zu essen, sind kaum hilfreich und bewirken meist das Gegenteil. Die Magersüchtigen wollen sich nicht eingestehen, dass sie ernsthaft krank sind. Der erste und schwierigste Schritt besteht darin, den Betroffenen für eine Therapie zu motivieren. In Vorgesprächen informieren Kinder- und Jugendpsychiater/Psychotherapeuten, die Patienten und Eltern bzw. Angehörigen ausführlich über das Krankheitsbild und bereiten auf den Ablauf einer Behandlung vor.
Die Therapie der Magersucht und auch anderer Ess-Störungen stützt sich auf drei Säulen:
- Rehabilitation der körperlichen Auswirkungen und Ernährungstherapie
- individuelle psychotherapeutische Behandlung
- speziell bei jugendlichen Patienten: Einbeziehung der Familie zur Bewältigung möglicher familiärer Konflikte
In einzelnen Fällen wird eine unterstützende medikamentöse Therapie eingeleitet, speziell zur Behandlung psychiatrischer Begleiterkrankungen. Calcium und Vitamin D werden zur Osteoporose-Vorbeugung häufig verabreicht.
Gewichts-Rehabilitation und Ernährungstherapie
Die Behandlung körperlicher Schädigungen sowie die Normalisierung des Gewichts ist selbstverständlich ein Schwerpunkt der Therapie. Ziel ist es, mit einer Gewichtszunahme von 0,3 bis 1 kg pro Woche (stationäre Bedingungen) das Gewicht zu erreichen bei der die Monatsblutung wieder eintritt. Bei jüngeren Patienten, die bei Erkrankungsbeginn noch keine Menstruation hatten, wird die altersentsprechende 25. BMI-Perzentile als Maßstab angesetzt. Das Gewicht wird in der Regel ein- bis zweimal wöchentlich kontrolliert. Die meisten körperlichen Symptome bilden sich zurück, wenn die Mangel- und Unterernährung beseitigt ist.
Zur Normalisierung des Ess-Verhaltens bieten sich u.a. im Rahmen einer Ernährungstherapie folgende Maßnahmen an:
- umfassende Beratung über eine ausgewogene Ernährung
- die Erstellung eines klar strukturierten Essensplans mit Haupt- und Zwischenmahlzeiten, unter langsamer Einführung „verbotener“ Speisen wie Milch, Butter etc.
- das Führen eines Ernährungs- und Bewegungs-Protokolls
- gemeinsames Kochen und „Modell-Essen“ in einer (Betreuungs-)Gruppe
Individuelle Psychotherapie & Einbeziehung der Familie
Bei der individuellen psychotherapeutischen Behandlung wird meist eine so genannte kognitive Verhaltenstherapie oder eine tiefenpsychologische Psychotherapie* durchgeführt, entweder als Einzel- oder Gruppentherapie. Die zentrale Bedeutung von Gewicht und Figur für das Selbsterleben sowie weitere persönliche Motive der Magersucht werden hinterfragt. Weiter erlernen Betroffene Maßnahmen, um in künftigen Belastungssituationen nicht gleich mit Störungen ihres Ess-Verhaltens zu reagieren. Ziel ist es vor allem, das Selbstwertgefühl des Patienten, seine Konfliktfähigkeit und auch die soziale Kompetenz zu steigern, d.h. aus der Isolation auszubrechen und wieder den Umgang mit Menschen zu pflegen. Alternativ zur Verhaltenstherapie wird in einigen Fällen eine so genannte interpersonale Therapie in Betracht gezogen. Sie beschäftigt sich mit konkreten Verbesserungen des gegenwärtigen Lebens, z.B. mit zwischenmenschlichen Konflikten oder mit Problemen beim Übergang in eine neue soziale Rolle – wie vom Kind zum Erwachsenen oder von der Schule zur Berufstätigkeit.
Zusätzlich ist gerade bei jüngeren Menschen eine Familientherapie, d.h. eine Einbeziehung der Eltern und Geschwister, ratsam und erfolgversprechend. Hier werden mögliche familiäre Probleme durchleuchtet und Lösungsansätze für alle Beteiligten erarbeitet.
Therapiebedingungen & Behandlungsdauer
Angesichts der krankheitsbedingten Verleugnungen und der ständigen Gefahr der „Trickserei“ müssen die Therapiebedingungen klar formuliert und kontrolliert werden. Um eine dauerhafte Heilung zu ermöglichen, ist nach der Akutbehandlung bzw. der Klinikentlassung (meist nach 6 Wochen bis 3 Monaten, je nach Schweregrad) die Weiterführung einer ambulanten Psychotherapie sehr wichtig. Auch die Teilnahme an Selbsthilfegruppen ist empfehlenswert.
Bei lebensgefährlichem Untergewicht, rapidem Gewichtsverlust, schweren körperlichen Komplikationen, schwerwiegenden psychiatrischen Erkrankungen sowie Selbstmord- oder starker Selbstverletzungsgefahr erfolgt – auch gegen den Willen des Patienten – eine stationäre Aufnahme.
* Die Wirksamkeit der tiefenpsychologischen Therapie ist nicht durch empirische Studien belegt.