Schulschwänzen
Schulschwänzen hat im Gegensatz zu den bisher genannten Angststörungen (Schulangst und Schulphobie) nicht primär mit Angst zu tun. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine Störung des Sozialverhaltens. Eltern wissen in der Regel nichts davon, wenn ihre Kinder den Unterricht schwänzen.
Anfänglich mag hinter dem Motiv, einzelne Schulstunden zu schwänzen, Abenteuerlust stecken, oder das Bedürfnis sich in Mutproben zu beweisen. Gelegentliches Schwänzen kommt auch unter sehr begabten Schülern vor, die sich im Unterricht unterfordert fühlen und langweilen. Durch das Fernbleiben vom Unterricht protestieren sie gegen ihr unbefriedigendes Schülerdasein.
Grundsätzlich liegt die Motivation zum Schulschwänzen aber in der Vermeidung von Unlust begründet. Schließlich ist das Lernen in der Schule kein Zuckerschlecken, sondern mit einigem Energieaufwand und Mühsal verbunden, teilweise auch mit Frustrationen. Es stellt damit einen Lernprozess dar, an dem die wenigsten Schüler durchgehend großen Gefallen oder Spaß finden dürften. Zumal auch der Lohn ihrer Mühen in weiter Ferne zu liegen scheint.
Manche Heranwachsenden wollen oder können den Sinn vieler Lehrinhalte in der Schule nicht einsehen. Ihnen erscheint Schule sinnlos und nicht lebensnah. Sie „pfeifen auf die Schule“, wollen ihre Freiheit genießen, herumstreunen, das tun, was sie im Moment bewegt und ihnen gegenwärtig viel wichtiger erscheint. So können sich aus gelegentlichen Schwänzern notorische Schulverweigerer entwickeln, die sich aus Überzeugung gegen Leistung und Schule entschieden haben. Schulschwänzen gilt als Kernsymptom von Störungen des Sozialverhaltens, da die Kinder und Jugendlichen mit ihrem Verhalten sehr deutlich zum Ausdruck bringen, dass sie nicht bereit sind, sich an gesellschaftliche Normen und Konventionen zu halten.
Häufigkeit von Schulschwänzen Statistische Untersuchungen über den Umfang des Schulschwänzens in Deutschland liegen nur eingeschränkt vor. Ungefähre, durchschnittliche Angaben gibt es bisher nur für einzelne Bundesländer, nicht aber für Gesamtdeutschland. Generell kann man aber von einer Zunahme der Zahlen ausgehen. Es zeichnen sich laut einem Bericht des Polizeivollzugsdienstes an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Berlin folgende Tendenzen ab: Schätzungsweise 1 bis 2% der Schüler gehören zum „harten Kern“ unter den Schwänzern: Sie haben sich stark von der Schule distanziert und schwänzen „intensiv“. Das sind in Deutschland etwa 100.000-200.000 Schüler. Allein in Berlin sollen rund 8000 von 360.000 Schülern überhaupt nicht mehr zur Schule gehen und 3000 schwänzen den Unterricht so gut wie ständig. Geschwänzt wird vor allem an den Haupt- und Sonderschulen, gefolgt von den Grundschulen. Achtklässler schwänzen offenbar am häufigsten. 30% der Acht- bis Zehntklässler in Freiburg schwänzen sporadisch und 8% regelmäßig. Auch in Brandenburg ist das Schwänzen einzelner Stunden unter Schülern der 9. und 10. Klassen weit verbreitet: Ungefähr 50% tun dies. 25% schwänzen bisweilen auch ganze Schultage. Darüber hinaus zeichnet sich in Deutschland ein Nord-Süd-Gefälle in den Häufigkeiten von Schwänzern ab: In Städten wie Kiel, Hamburg oder Hannover fehlen über 10% der Hauptschüler unentschuldigt; in Stuttgart 7% und in München 6%.
Die Daten entstammen größtenteils einem Bericht zum Thema „Schuleschwänzen“ (2004), der im Rahmen eines Studienprojekts der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin (Fachbereich Polizeivollzugsdienst) erstellt wurde
Typische Anzeichen für Schulschwänzen Schulschwänzende Kinder und Jugendliche haben eine generelle Schulunlust, ihre Schulleistungen sind meistens schlecht. Sie haben keine Angst vor der Schule und nur selten körperliche Beschwerden. Sie fallen durch aggressive und unsoziale Verhaltensweisen auf, halten sich nicht an Regeln und Vorgaben und sind oft aufsässig, ungehorsam, oppositionell und trotzig. Oft verbünden sie sich mit anderen Gleichgesinnten, die ebenfalls durch Schulschwänzen und die genannten Verhaltensweisen auffallen.
Ursachen für Schulschwänzen Häufig gibt es in der Familie der Betroffenen schwere Konflikte (z.B. Streitereien der Eltern, Gewaltanwendung, sexueller Missbrauch) oder Probleme (z.B. Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Geldnöte, miserable Wohnbedingungen). Die Eltern tendieren dazu, ihre Kinder zu vernachlässigen: Sie kümmern sich nicht um ihre schulischen oder sonstigen Sorgen. Wenn Eltern sich aber zu wenig für die Belange der Schule interessieren, stellen sie den Sinn und Wert des Zur-Schule-Gehens in Frage. Fehlende Zukunftsperspektiven und Berufschancen tragen ihren Teil dazu bei.
Einige Eltern nehmen ihre Vorbildfunktion nicht ernst genug. Kinder übernehmen die Art, wie sie mit Schwierigkeiten (aktive Bewältigung oder Ausweichen) und Gewohnheiten umgehen (z.B. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit), zu einem großen Teil von ihren Eltern. Wenn Kinder zum Beispiel mitbekommen, dass sich ihre Eltern wiederholt und ohne triftigen Grund bei der Arbeit krank melden, ist es auch kein Wunder, wenn sie sich dasselbe Recht in der Schule einräumen.
Häufig schwänzende Schüler haben in der Regel eine durchschnittliche oder erniedrigte Intelligenz, sind eher lernschwach und kennen keine Erfolgserlebnisse in der Schule. Teilweise leiden sie unter massiven Lernstörungen. Insofern setzt sich der Ursachenkomplex „Schulschwänzen“ oft aus einer Kombination von Erziehungsdefiziten und schulischen Teilleistungsschwächen zusammen.
Bei notorischen Schwänzern handelt es sich überwiegend um verwahrloste junge Menschen ohne sozialen Halt. Viele haben sich nicht nur von der Schule losgesagt, sondern sind auch „auf Trebe“ – das heißt sie laufen des öfteren von zu Hause weg. Sie streunen umher und neigen dazu, sich zu kriminellen Handlungen und Drogenkonsum verleiten zu lassen.
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