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Charité untersucht Selbstmordrisiko türkischer Migrantinnen
 
[02.03.2010] 

Charité untersucht Selbstmordrisiko türkischer Migrantinnen

An der Charité wollen Forscher herauszufinden, ob sich in Berlin Frauen mit türkischen Wurzeln häufiger das Leben nehmen als einheimische Frauen. „Wir wissen bisher nicht konkret, wie die Realität aussieht“, sagte Studienleiterin Meryam Schouler-Ocak.
„Wir vermuten aber, dass die Dunkelziffer bei Selbstmordversuchen und Suiziden von türkischen Migrantinnen hoch liegt.“ Als Teil des Forschungsprojekts soll das Thema Frauen und Suizid in Berlin in diesem Frühjahr auch in den türkischen Gemeinden eine Rolle spielen.

Eine frühere Studie hatte ergeben, dass sich 16- bis 20-jährige Frauen mit türkischen Wurzeln doppelt so häufig umbringen wie einheimische Frauen, sagt die Psychiaterin Schouler-Ocak. Doch umfassendere Zahlenangaben zu sammeln, ist schon deshalb schwierig, weil die Bundes- und Länderstatistik nur zwischen „deutsch“ und „nicht-deutsch“ unterscheidet. Viele türkische Migranten haben aber einen deutschen Pass. Auch statistische Daten der Weltgesundheitsorganisation verraten bisher wenig über das Suizidrisiko von Migranten. In der Türkei liegen die Selbstmordraten im unteren Bereich, berichtet Ärztin Schouler- Ocak.

Deutschland rangiert bei Suiziden im europäischen Mittelfeld. Jedes Jahr bringen sich hier mehr als 9000 Menschen um, in Berlin mehr als 400. Doch wie sieht die Lage aus, wenn nach dem Umzug aus der Türkei nach Deutschland die erste Migrantinnengeneration in Berlin aufwächst? Verändert sich das Suizidrisiko in einem anderen Land?

In dem auf drei Jahre angelegten Charité-Projekt, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird, sammelt Schouler-Ocak nun auch auf ungewöhnlichem Weg Daten. Die Rettungsstellen der Berliner Krankenhäuser werden gebeten, Suizidversuche und Suizide von Frauen mit türkischen Wurzeln für das Forschungsprojekt zu melden - anonym, aber mit Vermutungen über die Ursachen. Denn Schouler-Ocak interessieren natürlich nicht nur die Zahlen, sondern auch die Gründe, aus denen sich eine türkischstämmige Frau das Leben nehmen will.

Darüber gibt es in Deutschland bisher nur Vermutungen: Depressionen als häufige Ursache für Selbstmordgedanken werden bei Migranten häufig erst spät oder gar nicht erkannt. Ein Grund können Sprachbarrieren sein. Ein zweiter liegt darin, dass Beschwerden anders geschildert und daher von deutschen Medizinern manchmal nicht richtig interpretiert werden. Die Vorbehalte gegen psychische Erkrankungen können in türkischen Familien auch noch größer sein als in deutschen. Es ist auch nicht bekannt, ob Türkinnen in Berlin wissen, wie sie sich bei Suizidgedanken ärztliche Hilfe holen können.

Wie schwierig neben allen übrigen Problemen ein Spagat zwischen den Kulturen sein kann, weiß die Ärztin aus eigener Erfahrung. Sie kam als Kind aus der Türkei nach Deutschland. Seit 40 Jahren kennt sie beide Seiten. Heute engagiert sie sich auch im „Berliner Bündnis gegen Depression“. Das Suizid-Forschungsprojekt startete 2009 in Berlin und Hamburg.
Seit Januar werden in Berlin türkischstämmige Frauen in langen Interviews befragt. Als Kontrollgruppe gibt es Gespräche mit einheimischen Frauen. Dabei soll sich auch klären, ob Probleme bei Migrantinnen anders ausgeprägt sind und ob Einstellungen zu sozialer Unterstützung unterschiedlich ausfallen. Als ein Ergebnis lassen sich später vielleicht die Strukturen des Gesundheitswesens verbessern, um mehr Selbstmorde als heute zu verhindern.


 



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