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Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Typen der diabetischen Polyneuropathie

Die diabetische Polyneuropathie verläuft bei jedem Patienten anders. Man kann die vielen Erscheinungsformen jedoch in Gruppen unterteilen:

1. Die symmetrische Polyneuropathie

Bei dieser Form treten die Beschwerden zunächst an den Füßen auf, bevor schließlich auch Beine und Hände erkranken (distal symmetrische sensible Form). 

Die hauptsächlichen Beschwerden sind:

  • Kribbeln an Händen und Füßen,
  • brennende und stechende Schmerzen vornehmlich an den Füßen oder Krämpfe in den Waden,
  • Taubheitsgefühl und Unempfindlichkeit auf Schmerzen oder Temperaturunterschiede,
  • starke Berührungsüberempfindlichkeit selbst bei leichter Berührung,
  • Muskelschwäche an Füßen, Unterschenkeln und Händen,
  • Verlust von Körperbalance und Koordinierung der Bewegungen (ataktische Form).

Die Symptome werden vor allem in Ruhe oder nachts bemerkt. Bei manchen Diabetikern sind die Missempfindungen so stark, dass sie nachts die Bettdecke nicht mehr auf den Füßen ertragen. Durch die fehlende Schmerzwahrnehmung bemerken die Patienten kleinste Wunden an den Füßen häufig nicht. Werden die Verletzungen nicht erkannt und behandelt, kann sich der betroffene Fuß wegen der erhöhten Infektionsgefahr und der schlechten Abwehrlage gefährlich entzünden. Wenn die Infektion bis zum Knochen fortschreitet, droht im schlimmsten Fall die Amputation. Gefühlsverlust und fortschreitende Muskelschwäche führen zu einer Störung des Gangbildes und zu Verformungen des Fußgewölbes.

2. Die autonome Neuropathie

Bis zu 50% der Diabetiker leiden nach 20-jähriger Krankheit an einer autonomen Neuropathie. Hier sind solche Nerven geschädigt, welche Herzschlag, Blutdruck und Blutzucker kontrollieren. Aber auch andere innere Organe können in Mitleidenschaft gezogen sein, so dass z.B. Verdauung, Blasenentleerung oder die Sexualität beeinträchtigt sind.

Die hauptsächlichen Beschwerden sind:

  • Fehlen der  typischen Symptome einer Unterzuckerung,
  • Herz-Kreislauf-Störungen,
  • Schwindelgefühl und Ohnmacht beim Aufstehen,
  • Verdauungsstörungen mit Völlegefühl, Durchfall und Verstopfung,
  • unkontrolliertes Wasserlassen,
  • Potenzstörungen,
  • heftige Schweißausbrüche, v.a. nachts,
  • Sehstörungen.

Die Nervenfunktionen, welche die Herzfrequenz und den Blutkreislauf regulieren, sind häufig beeinträchtigt. Der Ruhepuls kann erhöht sein bis zum Herzrasen und/oder der Herzschlag steigt unter Belastung nur unzureichend. Beim Aufstehen „versackt“ das Blut in den Beinen, der Blutdruck kann nicht mehr aufrechterhalten werden und dem Diabetiker wird schlecht oder er fällt sogar in Ohnmacht. Überdies besteht bei diesen Patienten wegen der Schmerzempfindungsstörung immer die Gefahr eines schmerzlosen und deshalb schwer erkennbaren Herzinfarktes.

Normalerweise führt ein Blutzuckerabfall zu vermehrtem Schwitzen, innerer Unruhe und Hungergefühl. Bei der autonomen Neuropathie fehlen diese typischen Symptome oftmals, so dass die Betroffenen gar nicht merken, wenn der Blutzuckerspiegel zu niedrig ist (Hypoglykämie). Die Folge: Bei weiterem Abfall des Blutzuckers kann es zu Verwirrtheit, Benommenheit, schlimmstenfalls zu Krampfanfällen und Koma kommen.

Nervenschädigungen an der Speiseröhre machen das Schlucken beschwerlich. Die Magenentleerung ist verlangsamt, so dass die Patienten häufig über Übelkeit und Erbrechen klagen. Wenn der Magen die Nahrung nur verzögert in den Darm weiterleitet, kann das gespritzte Insulin schneller in die Blutbahn gelangen als die Kohlenhydrate aus der Nahrung. Eine Unterzuckerung ist die Folge. Am häufigsten klagen die Blutzucker-Patienten allerdings über Verstopfung, die im Wechsel mit Durchfällen auftreten kann. Letztere machen sich v.a. nachts bemerkbar und sind bisweilen unkontrollierbar.

Nervenschäden an der Harnblase können dazu führen, dass die Blase nicht mehr vollständig entleert werden kann. Bakterien siedeln sich in der Blase an und es kommt zu Harnwegsinfektionen. Häufig haben die Diabetiker kein Gefühl mehr, wie stark die Harnblase gefüllt ist. Unkontrolliertes Wasserlassen ist die Folge. Häufig werden die Geschlechtsorgane in Mitleidenschaft gezogen und rufen bei Männern Potenzprobleme hervor (Schwierigkeiten mit der Erektion und dem Samenerguss). Bei Frauen kann es zu Erregungs- und Orgasmusschwierigkeiten kommen.

Auch die Tätigkeit der Schweißdrüsen wird durch autonome Nerven gesteuert. Eine Schädigung führt dann zu meist reduziertem Schwitzen. An heißen Sommertagen kann Überhitzung eintreten.

Eine autonome Neuropathie verlangsamt die Reaktionsfähigkeit der Pupillen auf Licht. Es kommt zu Sehstörungen beim Betreten von dunklen Räumen oder beim Verlassen des Hauses. Auch die Nachtsicht ist gestört.

3. Fokale Neuropathien

Normalerweise entwickelt sich die diabetische Polyneuropathie langsam über Jahre hinweg und es sind viele Nerven betroffen. Plötzlich auftretende Beschwerden sind das Hauptmerkmal aller fokalen Neuropathien, welche typischerweise vaskulär entstehen („Schlaganfall der Nerven“).

Die häufigste  diabetische fokale Neuropathie ist die lumbosakrale Plexusneuropathie (diabetische Amyotrophie), bei der die Durchblutungsstörung eines Beinnervengeflechtes bei  älteren Patienten zu heftigen Schmerzen an Oberschenkel, Gesäßhälfte oder Bein führt. Diese Form der Neuropathie tritt  meist  einseitig auf  und zu führt zu einer Schwäche im Bein mit Muskelschwund, so dass die Kranken mit dem betroffenen Bein nicht mehr Treppe steigen können.

Bei der diabetischen Augenmuskelparese kommt es zum Sehen von Doppelbildern sowie Schmerzen hinter dem Auge und im Verlauf zum Herabfallen des Oberlids.

Auch heftige Schmerzen im Bereich von Brust, Bauch oder Flanken können Anzeichen einer fokalen Neuropathie sein. In Ausnahmefällen kann diese Neuropathie mit einem Herzinfarkt oder einer Blinddarmentzündung verwechselt werden.

Die aufgeführten Beschwerden verschwinden meist nach einigen Wochen bis Monaten ohne bleibende Schäden.

Prof. Dr. Peter Berlit, Essen (DGN) und PD Dr. Andrea Jaspert-Grehl, Essen (DGN)